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Urbaner Waldgarten

Berühmte letzte Worte in Zeiten des Klimawandels:

Der Spaziergänger: "Der Baum sieht doch gesund aus, der fällt nicht um..."

Hubert Maria Dietrich

"Der Wald ist das Krankenhaus unserer Seele"

 

Was ist ein Urbaner Waldgarten?

Ein Waldgarten besteht aus vorwiegend essbaren Pflanzen, die sich in mehreren Vegetationsschichten teilweise überlappen. Diese Schichten bestehen aus Obst- und Nussbäumen, Beerensträuchern sowie Gemüse und Kräutern, die langfristig miteinander angebaut und geerntet werden können. So entwickelt sich ein dauerhafter waldartiger Vegetationsbestand, in dem nach ökologischen Prinzipien gegärtnert wird. Neben Aufbau und Erhalt der Bodenfruchtbarkeit stellt der Waldgarten auch ein klimaangepasstes Anbausystem dar und ist durch die hohe Vielfalt an Arten widerstandsfähig gegenüber Klimaextremen sowie einem einseitigen Schädlingsbefall. 

Durch den Anbau vieler verschiedener essbaren Pflanzen im Waldgarten kann außerdem erfahrbar gemacht werden, welche Vielfalt an nutzbaren Pflanzen hier in unseren Breiten gedeihen und als Lebensmittel genutzt werden können. Manch einer wird erstaunt sein, wie reichlich man einen Tisch mit Produkten aus dem Waldgarten decken kann.

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Urbaner Waldgarten für ein klimaangepasstes Kleve

Im Verbundvorhaben vom Fachbereich 64 - Klimaschutz, Umwelt und Nachhaltigkeit der Stadt Kleve, dem Verein Permakultur-Niederrhein e.V. und der Hochschule Rhein Waal wird ein kleiner Waldgarten als praktisches Modellvorhaben in unmittelbarer Nähe zum Rathaus in Kleve entstehen. Das Luftbild auf der rechten Seite gibt Ihnen einen Überblick.

Hier wird die Anpassung an den Klimawandel, naturnahes Stadtgrün und ökologischer Lebensmittel-Anbau in der Innenstadt erprobt und eine Plattform für Umweltbildung, Biodiversität, soziales Miteinander und Erholung geboten. 

Die forschende Begleitung ermöglicht die Anpassung des Modellvorhabens und gewährleistet eine Übertragbarkeit auf andere Standorte in Kleve und in anderen Orten.

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Warum Waldgärten in der Stadt?

Um die Städte für alle Menschen dauerhaft lebenswert zu machen, müssen wir sie sozial und ökologisch nachhaltig gestalten. Immer mehr Menschen entdecken das Gärtnern für sich und sind auf der Suche nach Flächen, um auch in der Stadt Obst und Gemüse für die eigene Ernährung anbauen zu können. Gleichzeitig gibt es den Wunsch, neue soziale Netzwerke zu schaffen und auch Kindern aus der Stadt den Zugang zu Naturerfahrungen zu ermöglichen. Hinzu kommen die Herausforderungen des Klimawandels, die sich z.B. durch Dürre- und Hitzeperioden, aber auch durch Starkregenereignisse bemerkbar machen. Das Verbundvorhaben „Urbane Waldgärten – Mehrschichtig, mehrjährig, multifunktional“ greift diese Aspekte auf und entwickelt mit dem Konzept des Waldgartens einen multifunktionalen Lösungsansatz, der Synergien auf ein und derselben Fläche ermöglichen soll.

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Stadtnatur und biologische Vielfalt

Die meisten Waldgärten bestehen aus 100 bis 200 Pflanzenarten mit sehr unterschiedlichen Wuchsformen. Die so entstehende Vielfalt an räumlichen Strukturen bietet Lebensräume für zahlreiche Tierarten. Auch das große Spektrum an Obstbäumen und Sträuchern mit unterschiedlichen Blüh- und Erntezeiten bietet eine kontinuierliche Nahrungsquelle für blütenbestäubende Insekten, Vögel und kleine Säugetiere. Durch eine naturnahe Gestaltung und nur geringfügige Eingriffe des Menschen kann sich ein nischenreiches vielfältiges Biotop entwickeln. Je nach Ausgestaltung und Nähe zu umliegenden Grünflächen können Waldgärten in einem größeren städtischen Kontext ein Baustein Grüner Infrastruktur, z.B. innerhalb ökologischer Korridore, sein und damit zur Biotopvernetzung beitragen.

Verbesserung der Klimafunktion

Waldgärten können einen positiven Beitrag zum Stadtklima leisten. Durch ihre mehrschichtige Vegetation wird einerseits der lokale Wasserrückhalt ermöglicht, andererseits aber auch die lokale Wasserverdunstung erhöht und so die Umgebung gekühlt. Innerhalb des Vegetationsbestandes entsteht Kühlung durch den Schattenwurf der Baumschicht, was widerum zu einer höheren Wasserspeicherung im Boden- und Vegetationsbestand führt. Neben den Vorteilen für das Lokalklima, kann eine systematische räumliche Anordnung in stadtklimatisch wichtigen Korridoren einen Beitrag zur Frischluftversorgung der Stadt leisten. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Klimaanpassung in Städten, wo besonders ältere Menschen unter erhöhten Temperaturen leiden. Waldgärten können auch zur Regenwasserversickerung bei Starkregen genutzt und stadtplanerisch strategisch dafür eingesetzt werden. Nebenbei können Waldgärten langfristig als Kohlenstoffsenke dienen. Dabei ist zum einen der Aufbau eines dauerhaften waldartigen Vegetationsbestandes und damit die Speicherung von Kohlenstoff in der lebenden dauerhaften Biomasse wichtig. Zum anderen ist es aber auch eine Form des Gärtnerns, die den Boden relativ ungestört lässt und damit die Funktion des Bodens als Kohlenstoffsenke erhöht.

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Schutz der Bodenfunktionen

Nach anfänglichen Pflanzungen vorwiegend mehrjähriger Pflanzen, wie Bäumen, Sträuchern und mehrjährigem Gemüse, bleibt der junge Waldgarten größtenteils ungestört. Blätter und Äste werden als Mulchmaterial verwendet und mit der Zeit am Boden zersetzt. So baut sich mit den Jahren eine natürliche Humusschicht auf. Dadurch steigt die Fähigkeit des Bodens, Regenwasser zu speichern und Nährstoffe für die Nahrungsmittelproduktion zu liefern. Die Pflanzengesellschaft aus Bäumen, Sträuchern und Stauden durchwurzelt verschieden tiefe Bodenschichten dauerhaft. So macht sie Nährstoffe und Wasser aus unterschiedlichen Tiefen verfügbar und sichert den Boden vor Erosion. Durch die Komposition verschiedener Nutzpflanzen, die sich gegenseitig fördern, entsteht ein sich selbst erhaltendes Anbausystem, in dem Pestizide und Düngemittel überflüssig sind. Mit zunehmender Entwicklung des Waldgartens profitiert das Bodenleben von den natürlichen Kreisläufen in einem Waldgarten. Das langsam entstandene Bodensystem ist ein wichtiger Faktor für eine langfristig ertragreiche Nahrungsmittelproduktion.

 

Gemeinschaftlich Gärtnern

Da Waldgärten auf Langfristigkeit angelegt sind, setzt das Konzept auf die Entwicklung dauerhafter sozialer Strukturen und einer engen Einbindung der Stadtgesellschaft. Beim gemeinschaftlichen Gärtnern soll ein gemeinsamer Lernprozess mit der dynamischen Entwicklung des Waldgartens erfolgen. Mit dem Ziel Waldgärten auf Dauer anzulegen, und so ökologisch wertvolle, essbare Wälder zu etablieren, ist es nötig langfristige Gemeinschaften und Beteiligungsformen zu entwickeln. Da Waldgärten einiger Jahre der guten und achtsamen Pflege bedürfen um sich von einer Freifläche langsam in einen essbaren Wald zu entwickeln, ist ein koordiniertes Vorgehen zur Planung, Pflanzung und Pflege erforderlich. Die städtischen Grünflächen können als gemeinschaftliche Waldgärten nicht nur ökologisch, sondern auch als Begegnungsort an Qualität gewinnen und sollen sowohl für die Beteiligten als auch für die Stadt eine neue Verteilung der Verantwortung ermöglichen.

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Umweltbildung

Neben der Veranschaulichung ökologischer Prinzipien können „neue“ teils traditionelle, aber nicht mehr verbreitete Nahrungsmittel wie z.B. essbare Beerensträucher erschlossen und über Genuss und Sinneserleben bekannt gemacht werden. Gleichzeitig steht die Naturerfahrung im Sinne eines Gärtnerns „mit der Natur“ im Mittelpunkt. So können neben dem Fokus auf Nahrungsmittelerzeugung und gesunde, vielfältige Ernährung, etliche Themen im Waldgarten erläutert und veranschaulicht werden. Hierbei können besonders die Zusammenhänge zwischen einzelnen ökologischen Funktionen untereinander vermittelt werden: z.B. wie wirkt sich ein gesundes Bodenleben auf die Ertragsfähigkeit sowie auch die Klimafunktion des Bodens aus? Und welche Rolle spielt eigentlich gleichzeitig der Humusanteil des Bodens für die Wasser- und Kohlenstoffspeicherung? Auf diese Weise kann ganz nebenbei auch im Kleinen die Rolle derzeitiger Landwirtschaftsmethoden auf größere Prozesse wie den Wasserhaushalt und das Klima erläutert werden.

 

Mehrschichtiger Nahrungsmittelanbau

Waldgärten haben durch ihre Mehrschichtigkeit ein hohes Produktionspotential, da der dreidimensionale Raum zum Gärtnern genutzt wird und mehrjährige Pflanzen langfristig ertragreiche Bestände entwickeln können.

Die Auswahl und Kombination vielfältiger Pflanzenarten und besonders auch verschiedener Sorten zielt darauf ab, während der Vegetationszeit kontinuierlich eine Ernte an Früchten, Kräutern und Gemüse zu ermöglichen. So werden z.B. Sorten verschiedener Blüh- und Erntezeiten so kombiniert, dass möglichst durch einen längeren Zeitraum hintereinander weg geerntet werden kann. Des Weiteren werden unterschiedliche Pflanzen so angeordnet, dass eine natürliche Schädlingskontrolle entstehen kann. Auch werden gezielt Pflanzen integriert die z.B. als natürliche Pflanzenjauchen dienen können. Geerntet wird also fast das ganze Jahr hindurch ökologisches, selbst produziertes Obst und Gemüse – komplett ohne Pflanzenschutz- oder Düngemitteleinsatz. Dies kommt nicht nur den urbanen Waldgärtner*innen in Form ihrer eigenen, gesunden Nahrungsmittel zugute, sondern auch den Bienen, Insekten und Vögeln. Auch die Qualität des Bodenlebens und die des einsickernden Wassers profitieren davon.

Obwohl der städtische Anbau von Lebensmitteln im urbanen Waldgarten nur einen kleinen Beitrag zur Lebensmittelversorgung leisten kann, so können Waldgärten jedoch einen großen Beitrag zur Sensibilisierung der Stadtbewohner*innen für gesunde Ernährung leisten. Sei es durch das Kennenlernen von unbekannten heimischen und exotischen Obstsorten, den Erhalt alter Kulturpflanzen oder durch Erfahrungen, wie man den Aufbau und Erhalt der Bodenfruchtbarkeit bewirken kann.

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